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Kritik: KiKA-Sendung “Schau in meine Welt – Tahsins Beschneidungsfest”

Von Victor Schiering und Michael Butscher

Bereits bevor der Film “Tahsins Beschneidungsfest” im KiKA lief, haben Ärzteverbände sowie Kinder- und Menschenrechtsorganisationen, uns eingeschlossen, den Film kritisiert. Dabei wollten wir es natürlich nicht belassen, wir möchten auch sehen, ob der Beitrag wirklich so schlimm war wie befürchtet. Unsere Ansicht: Ja!

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Facharbeitskreis Beschneidungbetroffener im MOGiS e.V. protestiert bei KiKA gegen Ausstrahlung der Sendung “Schau in meine Welt – Tahsins Beschneidungsfest”

Sehr geehrte Programmverantwortliche von KiKA!

Mit Entsetzen haben wir die Ankündigung der Sendung “Schau in meine Welt – Tahsins Beschneidungsfest” am 19.01.2014 um 13:30 zur Kenntnis genommen.

Wir schreiben Ihnen als Mitglieder des Facharbeitskreises Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V. Dort organisieren sich Männer, die von einer im Kindesalter erfolgten Vorhautamputation negativ betroffen sind. Das bedeutet, dass sie noch heute, als längst Erwachsene, unter den schwerwiegenden körperlichen und seelischen Folgen leiden, die die Amputation von durchschnittlich 50% des erogenen Gewebes am Penis mit sich bringen kann.

In Ihrer Sendungsankündigung erkennen wir die typische Propaganda, wie ein Junge durch sein Umfeld manipuliert und die Operation ihm schmackhaft gemacht werden soll. Die Aussicht auf Geld und Geschenke spielt dabei eine große Rolle. Nicht auszublenden sind aber auch subtile Drohungen von sozialem Ausschluss wie z.B. “Alle anderen haben das auch überstanden, Du wirst doch nicht der erste sein, der es nicht schafft” – die ihre Wirkungen nicht verfehlen, denn Kinder sind in diesem Alter komplett ihrem Umfeld ausgeliefert. Dass diese Verletzung an der intimsten Stelle unseres Körpers aus dem uns geliebten engsten familiären Umfeld erfolgte, hat einige von uns in schwerste Konflikte und jahrelange innere Immigration getrieben. Wir fühlen uns verraten, denn unser kindliches Vertrauen wurde missbraucht. Wir fühlen mit Tahsin mit, wenn er wie beschrieben “voller Vorfreude” auf seine “Beschneidung” hinfiebert – auch wir haben das getan, haben den Erwachsenen geglaubt, dass uns nur Gutes widerfahren würde. Die furchtbare Erkenntnis kam anschließend. Dass Tahsin als Elfjähriger noch gar nicht begreifen kann, was eigentlich mit ihm geschieht, schildern Sie in Ihrer Pressemitteilung durchaus (“… obwohl er nicht so genau weiß, was dann eigentlich anders sein wird”) – nur befremdet sehr, dass Sie dies in keiner Weise zu hinterfragen scheinen.

Dazu sagt Jonathan Friedman, Mitglied des Facharbeitskreises Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V. und in den USA wohnhaft: “Als Opfer religiöser Zwangsbeschneidung, das auch als Erwachsener unter den Folgen leidet, betrachte ich es als abstoßend, dass das Deutsche Kinderfernsehen beiläufig eine rituelle Zwangsbeschneidung feiert.”

In den Medien ist das Thema Vorhautamputationen an Jungen, oft verniedlichend “Beschneidung” genannt, immer wieder präsent. Vielfach ist von Kinderärzten und Menschenrechtlern auf die möglichen Folgen hingewiesen worden. Beim Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte wurden allein zwischen 2010 und 2012 über 1800 Komplikationsfälle aktenkundig. Auch dürfte Ihrer Redaktion die jüngste mediale Berichterstattung zu schweren Unfällen und Todesfällen im Zusammenhang mit rituellen Vorhautamputationen in Südafrika, Kanada und Israel bekannt sein. Uns erschüttert, dass Sie diese Aspekte in Ihrer Ankündigung komplett ausblenden. Damit verletzen Sie unserer Ansicht Ihren Bildungsauftrag als unabhängiges staatliches Medium. Dieser sollte unserer Ansicht u.a. zum Ziel haben, Kinder über ihre gesetzlich zugesicherten Rechte auf eine gewaltfreie Erziehung sowie körperliche und seelische Unversehrtheit aufzuklären – und nicht die Verletzung dieser Rechte durch Erwachsene zu verherrlichen.

Alexander Bachl, Sprecher des Facharbeitskreises Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V., schreibt zu Ihrer Ankündigung: “‘Jeder muslimische Junge muss beschnitten werden, denn so verlangt es die religiöse Tradition.’ Dieses Los fiel auch auf mich, jedoch war und bin ich mit diesem Ereignis sehr unglücklich. Den Kindern werden die wahren lebenslangen medizinischen und sexuellen Folgen und Schmerzen oft verheimlicht. Mit Unwahrheiten und Beschönigungen wird ihnen die irreversible Operation aufgedrängt. Unter Androhung von Strafe ‘erst wenn ich beschnitten bin, dann bin ich ein echter Mann’ oder Bestechung ‘[...] und Tahsin wird auf einem Thron sitzen und viele viele Geschenke bekommen’ werden die Kinder manipuliert. Ich fordere daher von jeder Institution, die sich selber als für Kinder bildungs- und wissensvermittelnd versteht, wahrheitsgemäße und kindgerechte Informationen zu publizieren.”

Wir erlauben auf den aktuellen wissenschaftlichen und menschenrechtlichen Diskurs zu diesem Thema hinzuweisen: am 12.12. fand anlässlich des ersten Jahrestages des Gesetzes, das Vorhautamputationen aus jeglichem Grunde erlaubt hat und Jungen damit in dieser Frage lebenslang rechtlos stellt, eine Pressekonferenz im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin statt. Die Veranstalter waren sieben Kinderrechts- und Ärzteverbänden, darunter neben uns TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V., (I)NTACT, pro familia Niedersachsen, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, die Deutsche Akademie für Kinder und Jugendmedizin und die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie. Zu diesem Schreiben erhalten Sie die Pressemitteilung dazu sowie eine Liste mit Links zu Pressemeldungen.

Weiterhin drängt sich uns der Eindruck auf, dass Ihnen nicht klar zu sein scheint, was Sie mit derart einseitiger Berichterstattung unter Ausklammerung wissenschaftlicher und ethischer Erkenntnisse bei Betroffenen auslösen, die ihr Leben lang unter den möglichen schwerwiegenden Folgen einer Zwangsbeschneidung leiden.

Önder Özgeday, Mitglied des Facharbeitskreises Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V., schreibt zu seiner eigenen Zwangsbeschneidung im Alter von zehn Jahren: “Ich protestiere dagegen, dass KiKA Gewalt gegen Kinder kind- und mediengerecht aufbereitet und damit das Leiden unzähliger Betroffener verhöhnt. Eine so verharmlosende Berichterstattung bewirkt, dass betroffene Jungen und Männer über ihr Leiden schweigen, weil die Gesellschaft ihnen aufgrund von Unwissenheit und Falschinformationen jegliche Empathie verweigert. Es ist ein Tabuthema. Auch ich trage schwere seelische sowie körperliche Schäden mit mir. Ein Verbrechen ist an meiner Person begangen worden in einem Alter, in dem ich schutzlos war. Das verstieß gegen mein Recht auf Selbstbestimmung und körperliche Unversehrtheit. Es geht nicht um Religionsfreiheit – es geht um Menschenrechte. Denn: Es gibt keine muslimischen Kinder, jüdischen Kinder, katholischen Kinder etc. Es gibt nur KINDER. Hinzu kommt, dass weibliche Kinder geschützt sind vor Eingriffen, männliche jedoch nicht. Die deutsche Justiz hat mich nicht geschützt.”

Tayfun Aksoy, ebenfalls Mitglied des Facharbeitskreises und aus einem muslimischen Kulturkreis, richtet einen Appell an KiKA: “Ich bin mehr als enttäuscht, dass gerade in einem Kindermedium das Teilabschneiden von Kindergenitalien als Normalität und Einblick in Kulturen beworben wird. Ich leide seit dreißig Jahren sehr unter den Folgen meiner muslimischen ‘Beschneidung’. Es ist Zeit, mit Kinder’beschneidungen’ aufzuhören und sie kritisch als das zu betrachten, was sie sind. Helfen Sie mit, Kinder unabhängig von Geschlecht, Herkunft und Religion in ihrem Recht auf körperliche und sexuelle Selbstbestimmung zu stärken!”

Für weitere Informationen und einen Austausch stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen verbleiben für den Facharbeitskreis Beschneidungsbetroffener im MOGiS e.V.

Alexander Mahmud Bachl Tayfun Aksoy Önder Özgeday Jonathan Friedman

Ein Appell an den Deutschen Kinderschutzbund

von Christian Bahls -> Dieser Text ist gemeinfrei, er kann gänzlich und in Auszügen weiterverwendet werden. Für eine Verlinkung hierher , oder auf http://mogis-und-freunde.de wären wir sehr dankbar.

Sehr geehrte Damen und Herren

Den offenen Brief des Herrn Bachl kennen Sie. Er hat mich beim ersten Lesen tief bewegt, ich habe ihm deswegen auch bei uns eine Plattform gegeben: mogis-und-freunde.de/../brief-eines-betroffenen.

Im Moment erweckt der Deutsche Kinderschutzbund und insbesondere sein Präsident Heinz Hilgers den Eindruck, als verlöre er die Interessen der Kinder aus dem Blick.

Es scheint so, als ob man Eltern zugestehene möchte, aus jeglichem nicht-therapeutischen – und damit noch so nichtigen Grund – eine Entscheidung darüber zu treffen, ob deren Sohn als Erwachsener über intakte Sexualorgane verfügen darf, oder nicht.

Manche mögen diese Debatte als überraschend und aufgebauscht wahrnehmen. Sie ist es aber nicht. Latent ist dieses Thema schon eine ganze Weile in der Diskussion. Es war bisher nur schwierig die verschiedentlich geäußerten Bedenken in das allgemeine Bewusstsein zu heben.

Es bestand schon frühzeitig die Befürchtung als Vertreter der Rechte des Kindes in die falsche Ecke geschoben zu werden. Die Reaktionen, die Befürworter genitaler Integrität oder auch manche Betroffene von Vorhautamputationen jetzt erfahren, zeigen, dass diese Befürchtungen nicht zu Unrecht bestanden.

Insofern sind die denkanstoßenden Artikel des Herrn Putzke und vieler anderen nachdenklicher Juristen und Mediziner der letzten Jahre als geradezu mutig zu bezeichnen. Zumal wenn man, wie jetzt auch von anderen Personen (auch Betroffenen die sich geoutet haben), hört, dass man sich damit Diffamierungen oder auch direkter Bedrohungen aussetzt.¹

Eine Legalisierung solcher Eingriffe, da solche Operationen sonst im Ausland gemacht würden, kann kein Argument sein, da a) schon jetzt ein nicht geringer Teil dieser Operationen im Ausland stattfinden (s. Ali Utlu -> siegessaeule.de/../beschneidung-traumatisch-und-der-horror) b) eine Rechtverletzung nicht dadurch statthaft werden darf, dass nur genug Personen damit drohen sie im Ausland zu begehen, c) vielen Eltern ein Verbot im Rücken helfen würde sich gegen ihre Beschneidungs-fordernde Umgebung durchzusetzen.

Mich persönlich hat folgende Debatte forum.piratenpartei.de/p=206344 im September 2009 in einem Forum der Piratenpartei angestoßen und zum Nachdenken gebracht. Verstärkt wurde dieser Prozess zudem durch die Erfahrung, dass die Ungleichbehandlung von Jungen und Mädchen beim Schutz der genitalen Integrität, sogar durch die Gegner der weiblichen Genitalverstümmelung verteidigt wurde. Ohne jetzt die katastrophalen Folgen der pharaonischen Beschneidung verhamlosen zu wollen, gibt es doch auch Arten der Genitalverstümmelung bei Mädchen, die sehr wohl mit der Vorhautamputation bei Jungen vergleichbar sind. (siehe auch: mogis-und-freunde.de/../an-christine-lambrecht/ ).

Das Urteil des Landgerichts Köln (files.wordpress.com/../151-ns-169-11-beschneidung.pdf) hat jetzt für viele den Kristallisationspunkt geliefert, an dem dieses Thema endlich in Öffentlichkeit gebracht werden konnte.

Ich muss natürlich zugeben, ich war, gerade in den 90-er Jahren als ich Kontakt zu den jüdischen Gemeinden in Rostock und Schwerin hatte (mogis-und-freunde.de/../juedische-gemeinde-in-deutschland/ ), dieser Praxis auch nicht besonders kritisch gegenüber eingestellt. Es war mir schlicht der Folgen dieser Art des Eingriffs nicht bewusst.

Ich hielt das, was Heute gerne als “Beschneidung” verniedlicht oder durch das Wort “Zirkumzision” verschleiert wird, für eine Form von Folklore – eine wenn schon nicht-nachvollziehbare so aber vielleicht noch tolerable Tradition.

Tolerabel war diese Praxis für mich vielleicht auch, weil sie mich nicht betraf – Ich hatte das Glück in eine Familie geboren zu werden in der nicht über meinen Kopf hinweg entschieden wurde mir diesen Teil meines Körpers zu nehmen und damit mein erwachsenes Sexualleben so grundlegend zu beeinflussen (zu den Folgen auch: mogis-und-freunde.de/../aus-der-sicht-einer-frau/ ).

Kern der Debatte ist das Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit.

Ganz eng an diesem Recht des Kindes müssen wir uns orientieren. Es gibt nämlich kein Freiheitsrecht welches erlaubt in den Körper eines Anderen einzudringen – schon gar nicht mit einem Messer oder einem Skalpell in die Haut des Kindes bei der Beschneidung.

Wie Herr Professor Merkel in seinem Artikel “Die Haut eines Anderen” demonstriert, endet die Freiheit jedes einzelnen spätestens an der Haut des Anderen.  (sueddeutsche.de/../die-haut-eines-anderen ) Wie er sehr deutlich zeigt gibt es auch keine Abwägung von Freiheitsrechten gegen die körperliche Unversehrtheit von anderen Personen (wie jene behauptete und angeblich so notwendige Abwägung zwischen dem Recht auf Körperliche Unversehrtheit des Kindes und der Religionsfreiheit der Eltern).

Niemand darf wegen seines Geschlechtes oder seiner Religion bevor- oder benachteiligt werden.² Deswegen wird in dem Gesetzesentwurf auch nur von “Zirkumzision” die Rede sein – ohne Bezug auf darauf, dass damit jene an Jungen gemeint ist (in der heimlichen Hoffung, dass trotzdem nur Jungen gemeint sind – eine trügerische Hoffnung, da die Entfernung der Labien bei Mädchen und Frauen früher – und im englischen Sprachraum noch immer – Zirkumzision genannt wurde und wird)

Auch wird diese “Zirkumzision” aus jedwedem noch so nichtigen nicht-therapeutischen Grund erlaubt werden.

Um ihnen auch zu erläutern, wohin wir die Debatte abgleiten sehen: Uns wurde gerade der Fall einer schwangeren Frau zur Kenntnis gegeben, die an einer Traumatisierung durch sexualisierte Gewalt in ihrer Kindheit leidet. Diese möchte ihren Sohn gleich nach seiner Geburt im nächsten Jahr, aus ästhetischen Gründen, die Vorhaut entfernen lassen. Ihre Hebamme unterstützt sie in ihrem Bestreben, schließlich helfe diese Maßnahme auch gut gegen übermäßiges Masturbieren.

Das Recht der Eltern, im Namen des Kindes therapeutischen Eingriffe zuzustimmen, ist ein treuhänderisch vom Staat verliehenes Recht, dieses wird den Sorgeberechtigten verliehen, wenn der Aufschub der Einwilligung in den therapeutischen Eingriff bis zur Einwilligungsfähigkeit des Kindes nicht dessen Wohl dient.

Die Debatte dreht sich aber um die nicht-therapeutische Amputation gesunden, funktionalen und sensiblen Gewebes bei nicht-einwilligungsfähigen Personen – Erwachsene mögen sich in Kenntnis der Folgen willentlich und wissentlich Körperteile nach Wunsch entfernen lassen.

Gerade weil die Unbedenklichkeit dieser Eingriffe nicht erwiesen ist und schon verschiedentlich gezeigt wurde, dass die Folgen teilweise verheerend sind, wäre eine Einwilligung in einen solcher Eingriff nicht einmal aus general-präventiven Gründen statthaft.

Die Argumentation, man könne nicht wissen welche negativen Folgen dieser Eingriff habe und man müsse deswegen den Eltern die Entscheidung überlassen, gerade auch weil schlüssige Studien über die Auswirkungen fehlen würden, greift auch nicht. – Gerade weil es sich hier nicht um einen therapeutischen Heileingriff handelt, bei dem eine Abwägung nach Nutzen und Risiken statthaft und die Suche nach dem geringst invasiven Mittel notwendig wäre, ist jegliches Risiko bei diesem Eingriff abzulehnen.

Davon abgesehen, ist doch aber geradezu augenscheinlich, dass es eine nicht geringe Anzahl von Betroffenen gibt, die unter den Folgen einer Amputation der Penisvorhaut leiden, und sich jetzt endlich öffentlich dazu äußern -zudem gibt es auch verschiedene Materialsammlungen, die Komplikationen dokumentieren, z.B. beschneidung-von-jungen.de/../komplikationen.html pflegewiki.de/../Komplikationen-der-Beschneidung.

Dass einige Gegner der körperlichen Unversehrtheit von Kinder hier mit einem Mangel an schlüssigen Studien argumentieren lässt eigentlich nur auf einen Mangel an Empathie denjenigen gegenüber schließen, die sich jetzt getraut haben offen über diese Verletzung ihrer Integrität und den daraus folgenden Einschränkungen zu sprechen.

Wenn nun schon mit Studien aus den USA Argumente herangezogen werden – aus einem Land, dass noch nichteinmal die Kinderrechtskonvention ratifiziert und damit auch nicht das Kind als eigenen Grundrechts-Träger etabliert hat – dann könnte man sich doch auch fragen: Wenn es den in diesen Studien behaupteten generalpräventiven Effekt gäbe, warum ist dann unter den industrialisierten Ländern der Welt die USA das Land mit der höchsten Neuansteckungsrate für HIV unter heterosexuellen (jund größtenteils “beschnittenen”) Männern?

Wenn man schon Studien zitiert, läge es dann nicht näher solche zu nehmen, die unserem Kulturkreis näher stehen und mehr Belang für unsere Situation haben?

In den Niederlanden hat die Königliche Gesellschaft zur Förderung der Medizin mit Ihren 53.000 Mitgliedern schon 2010 deutlich Stellung gegen die nicht-therapeutische Vorhautamputation bei Jungen genommen: beschneidung-von-jungen.de/../knmg-standpunkterklaerung-zur-nicht-therapeutischen-beschneidung.

Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) und die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e.V., der Dachverband der kinder- und jugendmedizinischen Gesellschaften (http://dakj.de/../Stellungnahme_Beschneidung.pdf ),  äußern sich dazu, dass das Kindeswohl und das Recht der Kinder auf körperliche Unversehrtheit an erster Stelle stehen muss und wenden sich gegen die „Bagatellisierung der Beschneidung als Form der Körperverletzung, bei der es auch zu lebenslangen körperlichen und seelischen Verletzungen kommen kann.“

Ein gesetzliches Verbot nicht-therapeutischer Vorhautamputationen wäre auch nicht beispiellos oder ein irgendwie gearteter deutscher Sonderweg. In Schweden ist diese für Kinder ab einem Alter über 2 Monaten bereits seit 2001 verboten. Inzwischen gehen die Bemühungen in Schweden sogar dahin diese Praxis komplett abzuschaffen.

In dieses Klima kommt jetzt der Entwurf eines Gesetzes, welches jegliche “Zirkumzision”² aus jedem – noch so nichtigen – nicht-therapeutischen Grund erlauben wird. Auch eben eine solche wie im Fall der oben erähnten Mutter und ihrem Interesse an einer “ästhetischeren” Gestaltung der Geschlechtsorgane ihres Sohnes.³

Gerade auch deswegen sehe ich es für Sie und die von Ihnen gewünschte Wahrnehmung als “die Lobby für Kinder” als sehr fatal an, dass Sie jetzt  – ohne sich dessen vielleicht gewahr zu sein – so einseitig eine Kompromissbereitschaft signalisieren wo es für Vertreter der Rechte und des Schutzes des Kindes keine Kompromissbereitschaft geben kann – nämlich beim Recht des Kindes auf körperlich Unversehrtheit.

Überzeugen Sie bitte Ihren Vorstand das Lobbying für des angebliche “Recht der Eltern über die (Un)-Vollständig der Sexualorgane ihrer Kinder zu bestimmen” einzustellen. Er möge doch bitte die Vertretung dieser Position jenen Verbänden überlassen, die bereits jetzt dafür kämpfen die Rechte des Kindes ihren Traditionen unterzuordnen.

Wenn der Deutsche Kinderschutzbund sich an dieser Stelle nicht endlich eindeutig auf der Seite des Rechte des Kindes positioniert, dann braucht es ihn auch nicht mehr.

Ich bitte sie: zeigen Sie Empathie mit den Kindern, die durch diese unnötige Operation und dessen Folgen gequält werden.

Helfen Sie mit, diese Praxis zu beenden und damit auch das Leid, das über viele Menschen gebracht wird.

Viele Grüße

Christian Bahls; MOGiS e.V. – Eine Stimme für Betroffene

PS: Zur Weiterführenden Information bietet sich die Webseite http://pro-kinderrechte.de an. Insbesondere die Seiten http://pro-kinderrechte.de/faq/ und http://pro-kinderrechte.de/links/ enthalten wertvolle Resourcen

Fußnoten:

¹ (Der Betroffene Ali Utlu hatte zuletzt ein abgeschnittenes Schweineohr in seinem Briefkasten gefunden – mit der Notiz, er wäre der nächste) ² (Das Gesetz wird, aus Gleichbehandlungsgründen und damit es nicht sofort am Differenzierungsverbot des Art 3 GG scheitert, davon absehen bei der dann zu erlaubenden Zirkumzision Bezug auf etwaige religiöse Motivationen oder das Geschlecht des Kindes zu nehmen) ³ (hinter möglichen hygienischen Gründen kann man sich immer verstecken. In  Anbetracht der Unklarheit, ob diese behaupteten Vorteile tatsächlich zutreffen. müsste aber erstmal die Unschädlichkeit mittels aussagekräftiger Studien nachgewiesen werden. Diese Studien gibt es derzeit nicht in ausreichendem Maße, zumal mit Bezug auf die industrialisierte Welt, ein Faktum, das gerne unterschlagen wird. Zudem wird der Nachweis der Unschädlichkeit sehr schwer zu führen sein, wie man an den zahlreichen Berichten von Betroffenen sehen kann, die sich jetzt melden)

Offener Brief eines Betroffenen an Heinz Hilgers und den Deutschen Kinderschutzbund

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin entsetzt von der Aussage Heinz Hilgers, dass die rituelle Beschneidung zu legalisieren sei.

Ich wurde mit 6 beschnitten. Mein Vater, der leider vor einigen Jahren verstarb, zwang mich aus religiöser Überzeugung. Meine Mutter, die anfangs skeptisch war, wurde von ihm, den Ärzten und muslimischen Bekannten überredet. Keiner von denen wusste wirklich, was Beschneidung bedeutet. Außer der Arzt, aber der sagte nichts. Nur das es sehr gut ist, und sehr hygienisch.

Da ich seit einer Krankheit im Kindesalter Probleme mit meinem Gehör habe sollte ich zu einer Untersuchung in der ich unter Vollnarkose operiert werden musste. Diese Chance namen meine Eltern wahr um mich beschneiden zu lassen.

Mir hat man nichts gesagt. Aus Angst, ich könnte eine Szene machen. Ich bin ins Krankenhaus gefahren und alle waren sehr nett zu mir. Dann bekam ich die Narkose. Das nächste, was ich weiß, ist, dass ich nackt auf der Bettkante sitze und bitterlich weine. Mein Penis sieht grotesk aus, er ist so geschwollen, dass er fast rund ist. Die Eichel, die ich davor noch nie gesehen habe, ist pink. Ein komischer Ring ist an ihrem Ende und hält die Haut zurück. Es tut furchtbar weh. Mein Vater beteuert immer wieder, wie stolz er auf mich ist. Dass ich jetzt ein richtiger Muslim sei. Ich weine trotzdem.

Die nächsten drei Wochen waren eine Qual. Ich weiß nicht, ob die Narben weh taten oder die vertrocknende freigelegte Eichel. Ich konnte keine Hose tragen. Ich konnte nicht laufen. Ich konnte mich im Bett nicht zudecken. Ich lag stundenlang im Bett auf dem Rücken mit angewinkelten Knien, damit die Decke meine Eichel nicht berührt. Tagelang. Ich weinte häufig. Das erste Mal, als ich aufs Klo ging, wusste ich nicht, was passieren würde. Ich hatte Angst, es könnte weh tun. Ich hatte Recht. Von nun an hielt ich es zurück, bis es nicht mehr ging. Der Druck war deshalb größer. Es war schlimmer. Aber ich hatte Angst.

Irgendwann tat es nicht mehr weh. Ich konnte keine engen Hosen tragen. Wie lange, weiß ich nicht. Es kommt mir heute wie eine Ewigkeit vor. Aber auch das verging. Irgendwann.

Eines Tages spielte ich mit meinen Freunden in der Umgebung. Einer sagte, er müsse aufs Klo. Ich musste auch. Wir gingen zu einem Busch. Er machte die Hose auf und pinkelte. Ich pinkelte nicht. Ich schämte mich. Zum ersten Mal. Die Scham blieb. Bis heute. In der Schule beim Schwimmunterricht kämpfte ich mich immer ganz vorne an die Tür, um den Platz an der Ecke zu bekommen. Während die anderen Jungs nackt herumalberten, zog ich mich mithilfe eines Handtuchs um und verließ den Raum fluchtartig. In der Sauna zog ich immer eine Badehose an. Ich ging nie in Gemeinschaftsduschen. Niemand durfte wissen, dass ich anders war. Ich wollte immer gerne wie die anderen sein. Einfach mal mit meinen Freunden nackt in den See springen. Sprüche wie: “Der will uns seinen kleinen Schwanz nicht zeigen!” ertrug ich. Ich lachte mit. Niemand durfte den wahren Grund wissen. Heute weiß ich, dass ich nicht ausgelacht werden würde, aber das “nicht nackt sein dürfen” brannte sich so in mein Unterbewusstsein, dass ich bis heute nicht die Kraft finde, diese Angewohnheit zu überwinden.

Irgendwann begann ich über all das nachzudenken. Wieso bin ich beschnitten? Weil ich ein Muslim bin. Wieso bin ich ein Muslim? Mir fiel keine Antwort ein. Also wieso bin ich beschnitten?

Ich sprach nie mit Freunden oder Freundinnen über meine Beschneidung. Und sie fragten auch wenig. “Mein Vater ist halt Muslim” reichte immer als Antwort. Zum Glück.

Erst jetzt beginne ich mich mit Beschneidung auseinanderzusetzen. Erst jetzt mit 23 lese ich über die sexuellen Folgen. Lese ich über den Sensitivitätsverlust. Ich habe nie einen unbeschnittenen Penis erigiert gesehen und war sehr überrascht, als ich las, dass die Eichel weich, feucht und empfindlich ist. Ich lese über Verhornung, über Stimulanzzonen wie innere Vorhaut, Dorsalnerv oder Vorhautbändchen. Lese, dass beschnittene Männer nur die Schnittnarbe zur Stimulierung haben, da dort noch Reste der so sensiblen Vorhaut kleben. Ich denke darüber, wie Sex sich anfühlen könnte. Wenn alles noch da wäre. Aber das ist es nicht.

Ja, es stimmt. Ich kann länger. Noch kann ich nur länger. Aber ab wann kann ich gar nicht mehr? Ich bin 23 Jahre alt. Das heißt auch, dass ich mit ca. 23 jährigen Frauen schlafe. Aber ich muss kämpfen. Unter 20 min geht nichts. Manchmal habe ich nach einer Stunde einfach keine Lust mehr und gebe auf. Ich war deshalb bei einem Urologen. Dieser sagte mir, bei der Beschneidung würden 70% der für die sexuelle Sensibilität zuständigen Nerven entfernt, da sie auf der Vorhaut sitzen. Die Nerven auf der Eichel liegen in der Schleimhaut, die ohne den Schutz der Vorhaut austrocknet. Durch die ständige Reibung an der Hose würden die Nerven mit der Zeit absterben. Ich habe große Angst impotent zu werden.

Meine Beschneidung ist das Schlimmste, was man mir je angetan hat. Sie hat mein gesamtes Leben beeinflusst. Hat mich immer mit Scham erfüllt. Meiner Mutter tut es sehr leid. Sie sagt, sie würde es nie wieder tun. Das hilft seelisch, aber nicht körperlich. Meine Vorhaut ist weg und kommt nicht wieder.

Auf ihrer Homepage nennen Sie sich die Lobby für Kinder, aber Sie haben die Kinder verraten. Sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, eine Möglichkeit zu suchen, Eltern von der Beschneidung ihrer Söhne abzuhalten. Sie sind den Weg des geringsten Widerstandes gegangen.

Mit dieser Entscheidung nehmen Sie willentlich das Leid vieler Kinder in Kauf. Denn bei Weitem nicht jedes Kind will beschnitten werden und bei Weitem nicht jeder Beschnittene ist glücklich darüber. Was sagen Sie einem 12 jährigen, dessen Mutter einen Muslim kennengelernt hat, der fordert, dass der Junge beschnitten wird? Wie soll sich ein 12 jähriger wehren können, wenn er gezwungen wird?

Als Beschnittener hat man keine Möglichkeit Gerechtigkeit zu finden. Ich weiß es, ich habe versucht Strafanzeige zu stellen, aber alle Ansprüche, die ich hatte, verjährten, als ich 11 Jahre alt war. Man hat keine Chance. Am Anfang kann man sich nicht wehren und später darf man nicht mehr.

Ich fordere Sie auf, Ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken. Diese ganze Debatte hat sich zu einer Farce entwickelt. Der Ethikrat erringt in einer harten Diskussion mit der religiösen Verbänden, dass die Kinder betäubt werden sollen. Wann stand denn bitte jemals zu Diskussion, ob man seine Kinder foltern darf? Es stand zur Diskussion, ob die Entscheidung der Eltern genügt, eine irreversible Operation mit gravierenden Auswirkungen zuzulassen.

Die religiösen Verbände schreien so laut, dass man das Weinen der Kinder leicht überhört. Bei Mädchen sind zurecht selbst Ersatzrituale wie das Anritzen der Klitoris mit einer Klinge, ohne zu schneiden, streng verboten. Bei kleinen Jungen darf man 50% der Haut des Penises entfernen, weil es der Glaube verlangt, man es schöner findet, man der spätere Freundin einen Gesundheitsbonus geben oder man seinem Kind das Onanieren erschweren will.

Jungen, die in die Geschlechtsreife kommen, sind sehr leicht erregbar. Oft bekommen Sie beim Aufzeichnen der Schnittlinien eine Erektion oder einen Samenerguss. Es ist unvorstellbar peinlich für sie und vielen das Schlimmste bei dem Gedanken an ihre Beschneidung. Trotzdem sind bei der Behandlung Mütter und Väter, Schwester und Brüder, Tanten und Omas, Lehrer und Heimleiter, Freunde und Bekannte anwesend. Auf die Würde der Jungen wird in keiner Form geachtet. Im Gegenteil, man lacht sie aus. Sie sollen sich nicht so anstellen, es sind schließlich Jungs.

Wenn Sie Ihre Meinung nicht ändern und weiterhin für die Legalisierung der Knabenbeschneidung eintreten, werden viele Bürger die Achtung vor Ihnen verlieren. Denn wer außer Ihnen soll die Kinder sonst beschützen.

Schwer enttäuscht und voller Sorge schreibt Ihnen

Alexander Bachl