Offener Brief an die Rabbinerin und Beschneiderin Frau Dr. Deusel

Sehr geehrte Frau Deusel

wie ich erfahren habe gibt es anscheinend erhebliche Irritationen über eine Diskussion, die wir nach der Fraktionsanhörung geführt haben.

Anscheinend geht es um meine Kritik an Ihrer Bewertung der Masturbationsfähigkeit von vorhautamputierten Jungen und Männern. Sie hatten ja behauptet die Masturbationsfähigkeit von Jungen und Männern wäre auch von einer radikalen Vorhautamputation unbeeinträchtigt – obwohl viele Betroffene anderes berichten.

Ich persönlich als Mann würde es mir nie erlauben die Masturbationfähigkeit von Frauen, die von Klitorisvorhautentfernung (FGM Typ Ia) oder der kleinen Sunna (FGM Typ IIa) betroffen sind, zu beurteilen.

Genauso wenig würde ich diese Form der Genitalverstümmelung damit verharmlosen, dass ich behauptete, dass es mehr oder weniger folgenlos wäre. Ein solches Urteil würde ich auch keinem männlichen Gynäkologen oder Urologen zugestehen.

Insbesondere würde ich es auch keinem männlichen Arzt zugestehen irgendwelche Formen nicht-therapeutischer Eingriffe an den Genitalien einwilligungsunfähiger Mädchen zu bewerben oder mit ihrer vorgeblichen Ungefährlichkeit zu verharmlosen (wie gerade durch einen Gynäkologen geschehen für WHO FGM Typ Ia)

Für ein solches Urteil fehlt mir als Mann einfach grundsätzlich die direkte und unmittelbare eigene Erfahrung, weswegen die einzig sensible Position die man – als Mann – zu jeglichen nicht-therapeutischen Eingriffen an den Genitalien eines Mädchens oder einer Frau haben kann – die solidarische und damit die vollständige Ablehnung dieser unnützen Eingriffe sein muss.

Eine Haltung die sich solidarisch mit den negativ von nicht-therapeutischen Eingriffen an ihren Genitalien Betroffenen zeigt ist meines Erachtens die einzig sensible und wahrhaftige. Dazu gehört auch nicht das Leiden dieser Menschen zu negieren.

Warum Sie der Meinung sind, dass die von Ihnen ausgeführten Eingriffe die Sexualität im Allgemeinen und die Masturbation im Speziellen nicht einschränken erschließt sich mir nicht – dies auch und vor allem, weil mir verschiedentlich Betroffene bedeutet haben Ihnen persönlich ihr Schicksal geschildert und damit zur Kenntnis gebracht zu haben.

Die episodische Evidenz die Sie mit in die Argumentation gebracht haben möchte ich Ihnen unbenommen belassen, finde sie jedoch für eine wissenschaftliche Argumentation unzureichend.

Aus Respekt vor den Betroffenen, die anderes bekunden, ersuche ich Sie in Betracht zu ziehen Ihre Argumentation an dieser Stelle zu überdenken. Vielleicht trauen sich dann auch mehr Männer Ihnen von den eigenen Einschränkungen der Erlebnisfähigkeit zu berichten. Vielleicht erlaubt Ihnen dies langfristig etwas mehr Einsicht in die Folgen Ihres Handelns.

In diesem Zusammenhang möchte ich nochmal verdeutlichen, dass ich mir von Ihnen auch mehr Offenheit über die von Ihnen durchgeführten Eingriffe gewünscht hätte. Unter anderem der Abgeordnete Sharma hat Sie nach dem Ablauf der von Ihnen durchgeführten Vorhautamputation gefragt.

Wenn ich Ihr Buch richtig gelesen haben, dann führen Sie bei rituellen Vorhautamputationen noch immer die Periah, also das Abschaben des Vorhautinnenblattes von der Eichel, durch. Ein Eingriff, der deswegen notwendig ist, weil, wie Dr. Christof richtig betonte, bei Kindern unter einem Jahre die Vorhaut ganz physiologisch noch mit der Eichel verklebt ist.

Diese Präputialverklebung muss von Ihnen gelöst werden um die von Ihnen bevorzugte radikale Zirkumzision durchzuführen. Dass die Eichel danach häufig eine großflächige Wunde ist unterschlagen Sie völlig.

Warum Sie entgegen vieler anderer Fachleute der Meinung sind EMLA Salbe wäre für die beim Abschaben entstehenden Schmerzen zureichend erschließt sich mir nur unvollständig – ich kann nur vermuten, dass Ihre Stellungnahme in dieser Sache damit zusammenhängt, dass Laien diesen Eingriff ausführen können sollen (denen das Arzneimittelgesetz die Verwendung einer tatsächlich wirksamen Analgesie verbietet)

Ich möchte es nicht verhehlen, ich habe in den 90er Jahren im Austausch mit den jüdischen Gemeinden in Rostock und Schwerin gestanden. Ich hatte zuletzt den Eindruck, dass die Periah seit der innerjüdischen Debatte um nicht-therapeutische Vorhautamputationen im 19. Jahrhundert in Deutschland größtenteils abgeschafft war.

Ich würde mir wünschen, dass Sie tatsächlich in den Austausch mit den Männern treten, die Ihnen davon berichten wollen, welche Folgen auch fachgerechte Vorhautamputationen für Betroffene haben können.

Über eine Kontaktaufnahme Ihrerseits würde ich mich sehr freuen, ich denke Irritationen können viel besser in direkten Gespräch als über Dritte geklärt werden.

Es grüßt Sie hochachtungsvoll Christian Bahls; 1. Vorsitzender MOGiS e.V. – Eine Stimme für Betroffene

link to comment-section