Keine Betroffenen bei der Anhörung zur Beschneidung von Jungen im Justizministerium

BERLIN 28.9.2012

Anhörung des Justizministeriums zur Beschneidung von Jungen findet ohne Betroffene statt.

Bei der Heute im Bundesministerium der Justiz stattfindenden Anhörung zur gesetzlichen Regelung der Vorhautamputation an Jungen ohne therapeutische Indikation werden keine davon betroffenen Männer gehört werden. Die Teilnahme einer Verbandsvertretung von Betroffenen von Beschneidung – dem Verein MOGiS e.V. – wurde “aus Kapazitätsgründen” abgelehnt.

Christian Bahls [1], der 1. Vorsitzende des Vereins MOGiS e.V. – Eine Stimme für Betroffene, meint dazu: “Die Absage des Justizministeriums “aus Kapazitätsgründen” hat uns doch etwas überrascht, den Gustav-Heinemann-Saal, in dem die Anhörung stattfindet, erinnere ich als doch sehr geräumig – dort am Runden Tisch hätte sich sicherlich noch ein Stuhl für einen von Beschneidung Betroffenen gefunden – zumal davon auszugehen ist, dass viele der anderen Verbände diese doch sehr kurzfristige Einladung nicht wahrnehmen konnten. Leider hat sich das Ministerium auch nicht durch die kurfristige Fürsprache von über zweihundert Mitstreitern überzeugen lassen. [2]

Bahls fügt hinzu: “Dem Ministerium ist der Verein MOGiS e.V. auch nicht unbekannt, kennt man uns doch von verschiedenen Wortmeldungen der letzten Wochen und auch aus unserer konstruktiven Arbeit am Runden Tisch “Sexueller Kindesmissbrauch”, an dem wir mit zwei Vertretern teilgenommen haben – unter anderem auch in den Arbeitsgruppen im BMJ.” [3]

Der von einer religiös motivierten Beschneidung Betroffene Alexander Bachl [4] ergänzt: “Dass man die leidenden Betroffenen nicht einmal anhören will ist ein Skandal, denn die Leiden der Betroffenen sind der ganze Grund für das Köllner Urteil und der Kritik an der Beschneidung. Jedoch wird von Seiten der Befürworter konsequent geleugnet, dass es unglückliche Beschneidungsopfer gibt. Sie anzuhören würde bedeuten sich eingestehen zu müssen ein Unrecht zum Gesetz zu machen. Ich wurde mit sechs Jahren aus rituellen Gründen beschnitten und habe mein ganzes Leben darunter gelitten. Es ist mir unerträglich, dass die Anhörungen der durch das Gesetz betroffenen Gruppen nicht diejenigen, die mit den Folgen einer Vorhautoperation leben müssen, einbezieht. In keiner Weise geht der Gesetzesentwurf auf die Leiden der Kinder und späteren Männer ein. Ausnahmslos jedes bisher von den religiösen Verbänden geforderte Detail der bisher ausgübten Praxis wird ohne Rücksicht auf das Kindeswohl legalisiert. Sogar Betäubungen sind nur im Einzelfall vorgesehen. Dieser Gesetzesentwurf hat es geschafft eine entsetzliche Lage noch zu verschlimmern.”

Der von einer Vorhautamputation betroffene Volker Scharing sagt dazu: “Mir wurde mit sechs Jahren meine Vorhaut abgeschnitten. Durch das Kölner Urteil und ein Interview der Terre-des-femmes-Vorsitzenden Irmingard Schewe-Gerigk wurde mir erstmals aus der Gesellschaft heraus soetwas wie eine Empathiebereitschaft signalisiert, die es mir jetzt ermöglicht, über das Erlebte und meine Beeinträchtigungen offen zu sprechen. Jede Verharmlosung der Vorhautampution an wehrlosen Kindern ist eine Herabwürdigung des Leids, welche diese verursachen kann. Ich protestiere gegen die ungeheuere Respektlosigkeit gegenüber betroffenen Männern, dass in der Anhörung am Freitag, authentische und kritische Berichte von anwesenden Betroffenen aus ‘Kapazitätsgründen’ ausgeklammert werden sollen”

Der von einer ritualisierten Beschneidung betroffene Ali Utlu [5] fügt hinzu: “Die Debatte über die Beschneidung läuft sehr einseitig, denn Opfer kommen nicht zu Wort, werden totgeschwiegen. Es ist eine rein religiöse Diskussion. Ich werde mein Leben lang unter den Auswirkungen leiden müssen, wie viele andere auch die bei der Entscheidung übergangen wurden. Meine Beschneidung nehme ich im nachhinein wie eine Vergewaltigung meines Körpers wahr. ¹ Zudem handelte es sich um einen Eingriff in meine eigene Religionsfreiheit – der Freiheit auch keiner Religion anzugehören. Durch das Kupierverbot haben in Deutschland sogar Hunde mehr Rechte als Kinder! Das Betroffene bei der Anhörung am heutigen Freitag übergangen werden, macht sie erneut zu Opfern. So macht sich die Politik zum Mittäter!”

Werner E. ein weiterer von einer Vorhautamputation betroffener Mann schreibt: [6] “Meine Beschneidung wurde sauber und nach den Regeln der ärztlichen Kunst in einer Klinik durchgeführt. Die psychischen Schmerzen und Probleme kamen erst später. Meine eigene Sexualität war von je her geprägt von Enttäuschungen. Geschlechtsverkehr endete oft in der Bitte meiner Partnerinnen, ich möge doch bald zum Ende kommen, da sie selbst langsam Schmerzen hätten.Wohingegen ich in diesen Momenten meistens erst begann, intensive Gefühle zu entwickeln. Meine Beschneidung hat mir einen großen Teil meiner Sexualität für immer genommen. Das belastet nicht nur mich sehr stark sondern natürlich auch meine Frau, die sehr darunter leidet, dass Sie mir nicht das geben kann, was ich mir wünsche.”

Zum Gesetzgebungsverfahren ergänzt E.: Mein Weg vom Befürworter zum Gegner der Beschneidung war lang. Inzwischen stellt eine nicht-therapeutische Vorhautamputation minderjähriger Kinder – oder gar von Säuglingen – für mich eindeutig einen Akt der Körperverletzung und Missbrauch Schutzbefohlener dar. In vielen Postings auf diversen Internetforen schreiben Mütter, dass sie ihre Söhne schon im frühesten Kindesalter „stramm und hoch“ beschneiden lassen, weil es so ästhetisch sei oder gar, weil es die Masturbation in der Jugend verhindern könne. Auch solchen Absichten wird mit dem vorgestellten Gesetzesentwurf des BMJ nun Tür und Tor geöffnet. Das Wichtigste, die Kinder, bleiben außen vor. Es wäre gerecht gewesen, heute Männer zu Wort kommen zu lassen, die die Verletzungen, die sie durch ihre Beschneidung erlitten haben erkannt haben und sie ansprechen. Männer die unter dem ihnen aufgezwungenen Zustand leiden und die mit diesem Gesetzentwurf verhöhnt werden. Dass man uns heute ausgesperrt hat, ist – wenn man die Art wie dieser Gesetzentwurf zustande gekommen ist berücksichtigt – jedoch leider nur konsequent.”

[1] Ein Interview mit dem 1. Vorsitzenden von MOGiS e.V. Christian Bahls im Freitag: http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/der-staat-muss-die-schwachen-schuetzen [2] Ein Aufruf zur Unterstützung der Beteiligung von Betroffenen an der Anhörung im Bundesministerium der Justiz: http://tinyurl.com/anhoerung-ohne-betroffene [3] Fast 3000 Personen haben sich dem Aufruf nach einem Moratorium bei change.org angeschlossen: http://www.change.org/de/Petitionen/zwangsbeschneidung-ist-unrecht-auch-bei-jungen [4] Alexander Bachl hat sich mit einem Appell an Abgeordnete des Deutschen Bundestages gewandt: http://die-petition.de/pressemappe/stellungnahme-mogis-ev/#bachl [5] Ali Utlu wurde unter äußerst traumatischen Umständen bei einem Beschneidungsfest bei einem Türkei-Urlaub von seinem Onkel beschnitten, einer Art Beschneidungstourismus die auch ohne Verbot schon stattfand und Mangels Regelung auch weiter stattfinden wird. -> http://tinyurl.com/ali-utlu [6] Auszug aus der persönlichen Stellungnahme Werner E.’s von der Webseite des MOGiS e.V. unter: /blog/2012/09/27/sauber-und-schmerzlos/

Zu MOGiS e.V. – Eine Stimme für Betroffene

MOGiS e.V. ist ein ursprünglich von Opfern sexuellen Kindesmissbrauchs gegründeter Verein. Er begreift sich als eine Stimme der Betroffenen. Eine Lobby von Betroffenen – Für Betroffene.

Er setzt sich für den Schutz der sexuellen Integrität und Selbstbestimmung von Kindern ein. Zudem engagiert er sich für den Erhalt und die Stärkung von Menschenrechten on- und offline.

MOGiS e.V. nahm mit zwei Mitgleidern am Runden Tisch “Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich” und den Sitzungen seiner Arbeitsgruppen teil.

Seit 2010, und verstärkt seit dem Urteil des Landgerichts Köln, beschäftigt sich der Verein mit dem Schutz der Körperlichen Unversehrtheit von Jungen vor nicht-therapeutischen Vorhautamputationen.

Im Rahmen dieser Arbeit kommen immer wieder Betroffene auf den Verein zu um Ihre Betroffenheit öffentlich zu kund zu tun und damit Gehör zu finden.

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