An Bodo Kirchhoff

von Christian Bahls

Sehr geehrter Herr Kirchhoff,

Ich schreibe Ihnen hier, weil ich sonst keine Möglichkeit gefunden habe mit Ihnen direkt in Kontakt zu treten.

Ich möchte Ihnen danken für Ihren unglaublichen Mut Missbrauch etwas differenzierter darzustellen. Dafür war ich Ihnen schon bei Ihrem Artikel “Sprachloses Kind” dankbar.

Umso mehr danke Ich Ihnen für Ihren Mut in einer Sendung zu diesem Thema offen und live zu sprechen. Dies gerade auch deswegen, weil Sie sich, wie am Montag Abend bei Beckmann, der Fehl- und Missdeutung durch Nichtbetroffene entgegenstellen und dabei teilweise dem Zwang ausgesetz sind sich doch bitte in die Vorstellung der Anderen, davon was Missbrauch wäre und wie man als Betroffener zu sein hat, anzupassen.

In meiner eigenen Arbeit merke ich selber immer wieder, das ein Teil der Betroffenen Ihren Missbrauch nicht als gewalttätig wahrgenommen hat und auch jetzt noch nicht als gewalttätig wahrnehmen kann oder möchte. Für sie macht es eben doch einen Unterschied, ob man offen vergewaltigt wurde oder eben durch Geschenke und Nähe zum Mittäter gemacht wurde.

Die überzeichnete Darstellung in den Medien und das Schwarz-Weiß-Denken in den Köpfen der Anderen verschließt so den Zugang der Betroffenen zu Ihrem eigenen Schicksal. Sie wären ja nicht richtig missbraucht. Außerdem wären sie ja Mittäter schließlich haben sie das ja mit sich machen lassen und vielleicht sogar noch teilweise körperliche Erregung empfunden.

Ich denke es ist deswegen um so wichtiger, dass wir klar machen, dass es nicht nur die körperliche Unversehrtheit, sondern auch die ungestörte psychosexuelle Entwicklung des Kindes ist, die von Rechts wegen geschützt ist.

Insofern möchte Ich Ihnen nochmals für Ihren Mut danken, trotz der Ablehnung, die Ihnen teilweise begegnet, so offen über die Umstände und Begebenheiten Ihres Missbrauchs zu reden.

mit freundlichen Grüßen verbleibe ich,

Ihr Christian Bahls

PS: Ich würde mich freuen, wenn diese Nachricht Herrn Kirchhoff persönlich erreicht. Wer mithelfen möchte kann die Nachricht druch Klicken auf das Feld unten weitersagen. Wer Herrn Kirchhoff per E-Mail, persönlich oder über Dritte erreichen kann, möge die Nachricht auch bitte auf diesem Weg weitersenden. Vielen Dank! Durch das Klicken auf diesen Link kann man diese Seite weiterzwitschen

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5 Responses to An Bodo Kirchhoff

  1. Pingback: Tweets die An Bodo Kirchhoff | MOGiS e.V. -- "Eine Stimme für Betroffene" erwähnt -- Topsy.com

  2. Der Bodo Kirchhoff von http://www.bodokirchhoff.de ?

    Kannst du ihm das ganze nicht gedruckt an:

    Frankfurter Verlagsanstalt Wildunger Str. 6a 60487 Frankfurt am Main (nach http://www.bodokirchhoff.de/kontakt.html)

    Sein Verlag würde das doch hoffentlich weiterleiten, oder?

    • Ehrlich gesagt zweifle ich daran. Wenn dieser Aufruf hier aber nichts bringt, dann werde ich wohl doch den langen Dienstweg gehen.

      viele Grüße Christian

  3. Ich möchte mich Christian vollumfänglich anschließen, möchte aber auch die Gelegenheit nutzen, an dieser Stelle meine eigene, ganz persönliche Meinung zum Thema loszuwerden. Das wird jetzt zwar ziemlich lang, aber ich schreibe mir alles von der Seele, was mir wichtig ist – auch all die Wut über das Unwissen und den Umgang der Gesellschaft mit dem Thema.

    Herr Kirchhoff hat in der Sendung so viele wichtige Sachen gesagt – und er hat sich in einer Weise, die nicht wenige Zuchauer auf die Palme gebracht haben dürfte, den stereotypen Erwartungen entgegengesetzt, die diese Gesellschaft an Opfer sexuellen Missbrauchs stellt. Und genau damit hat er für Unbehagen und Unverständnis in der Runde gesorgt. Wenn Herr Beckmann die Auffassung vertritt, Herr Kirchhoff habe mit seinen Ausführungen zum Thema Liebe am Thema vorbeidiskutiert, dann liegt das wohl daran, dass sich Herr Beckmann vermutlich weit weniger tiefgehend mit dem Thema auseinandergesetzt hat, daher den Bezug nicht erkennt und mit seiner Zurechtweisung die Solidarität mit seinem vermutlich ebenso verstörten und unverständigen Publikum bekunden möchte. Aber Herr Beckmann fragt nicht nach, wo der Bezug zum Thema Liebe bestehe (- es ist ja gar nicht schlimm, wenn man etwas nicht direkt versteht und nachfragt, wie es gemeint sei -); nein, Herr Beckmann unterstellt Herrn Kirchhoff, er würde am Thema vorbeidiskutieren, denn Gewalt hätte mit Liebe rein gar nichts zu tun. Und nicht nur das – er schließt die Runde, in der Herr Kirchhoff der EINZIGE unmittelbar Betroffene ist – mit der anmaßenden Bemerkung ab, man möge doch in Zukunft Menschen, die unmittelbar an der Quelle sitzen, weil sie mit Betroffenen ZUSAMMENARBEITEN, mehr Gehör schenken. Damit spricht er Herrn Kirchhoff mehr oder weniger die Kompetenz ab, sich selbst zum Thema zu äußern – und unterstreicht damit einmal mehr das weit verbreitete Bedürfnis, nicht mit den Opfern sexuellen Missbrauchs zu sprechen, ihnen zuzuhören und ihren eigenen Empfindungen und Gedanken Raum zu geben, sondern lieber für sie und über sie zu sprechen, oder Experten für sie und über sie sprechen zu lassen.

    Diese Anmaßung war der eigentliche Skandal in der Diskussionsrunde – auch wenn das unbedarfte Publikum das vermutlich anders gesehen hat. Die Gesellschaft wünscht sich eben keine Opfer, die über ihre eigenen Gefühle erzählen, und erst recht nicht solche, die stabil und gefestigt an einer Diskussionsrunde teilnehmen können und damit anderen Opfern Mut machen. Opfer haben gefälligst lebenslang zu leiden; die psychische Gestörtheit hat ihnen ins Gesicht geschrieben zu stehen, und sie haben vor allem eines nicht zu tun: Sie dürfen nicht differenzieren. Und tun sie es doch, unterstellt man ihnen, Partei für die Täter zu ergreifen.

    Ich selbst habe als Jugendlicher sexuelle Grenzüberschreitungen erfahren (- in meinem eigenen Fall möchte ich lieber nicht von Gewalt sprechen). Zu der Person in meiner Familie, von der das damals ausging, habe ich noch heute einen recht innigen Kontakt. Es besteht auch nach wie vor ein Vertrauensverhältnis, das das Geschehene überdauert hat. In meinem Fall handelte sich nicht um explizite sexuelle Handlungen, sondern um Berührungen, die unter einem ganz anderen Vorwand geschahen, die in meinem Alter aber ganz sicher unangemessen und grenzüberschreitend waren. Es waren auch Berührungen, die mich bis heute irritieren und beschämt zurücklassen – zumal ich mich immer wieder frage, warum ich selbst nicht erkannt habe, dass das damals nicht in Ordnung war. Ich war doch kein kleines, hilfloses Kind mehr. Es ging um regelmäßig wiederholte Berührungen im Genitalbereich (unter dem Vorwand eines Hautproblems – und ich will noch nicht einmal unterstellen, dass es wirklich nur ein Vorwand war – denn ich weiß auch, wie erschreckend naiv manche Menschen sein können).

    Und doch weiß ich, dass der Mensch, der mich damals immer wieder berührt hat, selbst an seinen Vorwand geglaubt hat und sich der starken (unterschwelligen) sexuellen Aufgeladenheit dieser Situationen gar nicht bewusst war. Ich weiß, dass es jemand ist, der sexuellen Missbrauch abgrundtief verachtet. Und nun erklärt mal den Leuten, dass sexuelle Grenzüberschreitungen auch unterschwellig, ohne explizit sexuelle Handlungen geschehen können – und sogar ohne das Verständnis eines naiven Täters um die Bedeutung seiner Tat. Trotzdem wusste irgendetwas in ihm, dass es nicht in Ordnung war – denn sobald die Gefahr bestand, dass irgendjemand hinzukommen und etwas bemerken könnte, wurde die peinliche Situation panisch und abrupt beendet und alle Spuren “beseitigt”. Obwohl es doch eigentlich nur um eine “Hautbehandlung”ging – aber wer weiß, was andere darin sehen könnten …

    Der Geruch der Peinlichkeit, des latenten Inzests und der Notwendigkeit der Geheimnishaltung lag immer mit in der Luft. Und das ist es, was mich heute am meisten irritiert. Ich weiß, dass dieser Mensch mich abgöttisch geliebt hat, und dass es nicht seine Absicht war, mir Schaden zuzufügen. Aber er hat mich enorm verunsichert und beschämt. Und er hat mir eine Aufgabe mit auf den Weg gegeben, an der ich heute noch arbeite. Gerade weil das Vertrauensverhältnis nach wie vor besteht und nach wie vor Liebe im Spiel ist (- und da war es wieder, das böse Wort – ), würde ich mich nichts sehnlicher wünschen, als dass ich die Kraft und den Mut finden würde, mit ihm über das Geschehene zu sprechen. Ich möchte ihm sagen, dass das damals nicht in Ordnung war – warum es nicht in Ordnung war, und dass es mich noch lange beschäftigt hat. Ich möchte ihm aber auch sagen, dass ich ihm glaube, dass er nicht die Absicht hatte, mich zu schädigen. Und tatsächlich gibt es gewaltvolle Ereignisse nicht-sexueller Art in meinem Leben, die meine psychische Entwicklung noch weitaus mehr gestört haben als das – zum Beispiel das jahrelange systematische Mobbing durch meine Klassenkameraden (aber emotionale Gewalt gilt ja in dieser Gesellschaft ohnehin als Kavaliersdelikt, ganz unabhängig davon, wie schwerwiegend die psychischen Folgen sein mögen). Ich möchte ihm sagen, dass ich ihm verziehen habe, und dass – auch wenn er zum Täter geworden ist – es Menschen gibt, die mich noch viel tiefer und nachhaltiger verletzt haben, auch wenn die Gesellschaft deren Gewalthandlungen eher für verzeihlich halten mag.

    Aber ich weiß nicht, wie ich eine Aussprache im Umfeld einer Gesellschaft anstellen soll, die beim Thema “sexueller Missbrauch und Grenzüberschreitungen” nur Schwarz und Weiß kennt, nur perverse Sadisten auf der einen und vollends Unschuldige auf der anderen Seite. Ich weiß doch schon aus Erfahrung, dass es immer dann, wenn ich versucht habe, darüber zu sprechen (was ich leider noch nicht so offen kann wie Herr Kirchhoff), offenbar nur zwei mögliche Schlüsse gibt, die Menschen daraus ziehen können: Entweder, es war gar kein Missbrauch und auch keine Grenzüberschreitung, und ich möchte mich nur wichtig machen, um die Aufmerksamkeit zu bekommen, die alleine den “wahren Opfern” gebührt – oder es war Missbrauch, dann muss ich meinen Peiniger bis an mein Lebensende hassen, darf ihm niemals verzeihen, darf niemals glauben, dass er mich geliebt hat (und liebt), und muss sogar stillschweigend akzeptieren, dass Menschen, die ganz sicher nicht weniger pervers sind, sich das Recht herausnehmen, in meinem Namen seine lebenslange Sicherheitsverwahrung, Kastration oder sogar Hinrichtung zu fordern, wofür ich ihnen natürlich dankbar zu sein habe.

    Von einer guten Freundin, die im Gegensatz zu mir tatsächlich auf sehr gewaltvolle und schwerste Weise sexuell missbraucht (oder besser gesagt: als Kind vergewaltigt) wurde, weiß ich auch, welche Reaktionen man erntet, wenn man sich weigert, dem Opfer-Stereotyp zu entsprechen: Sie hat Jahre lang gesucht, bis sie eine Therapeutin gefunden hat, die ihr versichern konnte, dass es einzig und alleine ihr eigenes Recht ist zu entscheiden, wem sie verzeihen möchte und wem nicht. Als sie mal in einer Internetdiskussion das Wort ergriffen hat und den Leuten, die die qualvolle Hinrichtung von Sexualstraftätern (im Namen aller Opfer) gefordert haben, selbst sadistische und perverse Neigungen unterstellt hat, entgegnete man ihr, wenn sie ihren Hass nicht teile, gehöre sie wohl zu jener Gruppe von Opfern, die irgendwann selbst noch zu Tätern würden – wenn dies denn nicht längst schon geschehen sei.

    Dem sexuellen Übergriff folgen zahllose weitere Grenzüberschreitungen der Gesellschaft, die sich das Recht nicht nehmen lässt, für die Opfer entscheiden zu dürfen, was diese zu denken und zu empfinden haben. Mittlerweile glaube ich sogar, dass das Bild der Täter für den Großteil der Gesellschaft primär ein Ventil für die eigene Psychohygiene darstellt. Jede Form von Differenzierung, sei sie nun intellektueller oder emotionaler Art, stellt das Bild vom Täter als dem ausschließlich abgrundtief Bösen in Frage. Genau dieses indifferenzierte Täterbild ist aber das, was die Gesellschaft braucht, um sich selbst über ihre eigene Verunsicherung und ihr eigenes potenzielles Betroffensein vom Thema hinwegzutäuschen. Zum einen erfolgt eine beispiellose Hysterisierung – kein Medienbericht über sexuellen Missbrauch (egal in welcher Intensität), der nicht mit der sicheren Prognose (mit Selbsterfüllungspotenzial) endet, dass die Opfer – ganz gewiss – nie wieder eine normale und erfüllte Sexualität werden leben können. Dass eine Gesellschaft, die genau das immer wieder kommuniziert und niemals in Frage zu stellen bereit ist, die Opfer damit noch mal nachträglich psychologisch vergewaltigt, wird kaum bemerkt. Und wenn denn mal auf diesen Missbrauch mit dem Missbrauch hingewiesen wird, der ja tatsächlich stattfindet und zahllose Opfer ihrer letzten Kräfte und Ressourcen beraubt, wird kaum eine Gelegenheit ausgelassen, um darauf hinzuweisen, dass das Thema “Missbrauch mit dem Missbrauch” ausschließlich von der Pädophilen-Lobby für ihre Zwecke instrumentalisiert würde. Natürlich stimmt das auch – aber nur, weil es Leute gibt, die auch den Missbrauch mit dem Missbrauch für ihre Zwecke missbrauchen, heißt das doch noch lange nicht, dass es ihn nicht gibt. Es gibt ihn, und gerade die Medien üben sich täglich darin.

    In den Medien besteht auch selten ein aufrichtiges Interesse an der Anteilnahme am Leiden der Opfer – es besteht in erster Linie Interesse daran, das Geschehene so grausam wie möglich darzustellen, damit der Zuschauer mit perverser Begeisterung in den Augen entsetzt sein kann. Auch hier findet ein weiterer Missbrauch statt. Aber trotz (oder gerade wegen?) aller Hysterisierung besteht kaum das Bedürfnis, sich selbst und sein eigenes Umfeld in Frage zu stellen. Die Dämonisierung der Täter in den Medien dient nämlich vorrangig dem Zweck, dem Volk eine Projektionsfläche für seine eigene Verunsicherung und die damit verbundene, drohende Selbstverachtung zu schaffen. Natürlich ist das keine “leere” und unschuldige Projektionsfläche, denn die Schuld der Täter sollte niemals in Frage gestellt werden. Aber so lange von Tätern nur das Bild der perversen, ausschließlich sadistischen Psychopathen besteht – so lange, wie bei Herrn Beckmann, nicht offen darüber gesprochen werden kann und soll, wie eng Gewalt und Liebe miteinander verzahnt sein können – so lange braucht sich das Volk keine Gedanken über sich selbst und die lieben und netten Menschen im eigenen sozialen Umfeld zu machen. Das Problem wird ausschließlich in die Außenwelt des Sadistischen und Perversen verfrachtet – und genau deshalb ist Differenzierung auch nicht erwünscht. Wenn Herr Kirchhoff dann den Zusammenhang zwischen Liebe und sexueller Gewalt darstellen möchte, der dem Täter doch in vielen Fällen erst den Zugang zum Opfer ermöglicht, und der es vor allem vielen Opfern so schwer macht, zu begreifen, dass ein Mensch, der einen liebt, trotzdem auch schlimme Dinge tun kann – dann wird er von einem peinlich berührten Moderator abgewürgt. Natürlich hatten Herrn Kirchhoffs Äußerungen im begrenzten Rahmen dieser Diskussion das Potenzial, zu verstören und missverstanden zu werden – aber dann wäre es Herrn Beckmanns Aufgabe gewesen, nachzufragen und sich um Klärung zu bemühen, statt dem einzigen direkt Betroffenen in der Runde zu unterstellen, dass er das Thema verfehle.

    So lange in den Köpfen der Menschen noch der Mythos herumspukt, dass sexueller Missbrauch immer mit äußerer Gewaltanwendung verbunden sei, dass er immer gegen den bewussten Willen des Kindes geschehe, und dass das Verletzende und Quälende im Augenblick selbst niemals zärtlich sein darf und auch niemals lustvoll empfunden werden kann – so lange wird man in dieser Gesellschaft nicht den Missbrauch begreifen und sehen wollen, der nicht irgendwo in einem dunklen Park, sondern in den eigenen vier Wänden geschieht. Auf der Basis von Liebe, die tatsächlich nicht immer geheuchelt sein muss.

    So lange über sexuellen Missbrauch – völlig unzutreffenderweise – ausschließlich im Kontext von Pädophilie berichtet wird, kommen auch unzählige weitere potenzielle Täter um die Auseinandersetzung mit sich selbst herum. So lange werden auch immer wieder Kinder und Jugendliche von Menschen (wie in meinem Fall) auf eine unterschwellige, schwerer zu greifende Art und Weise missbraucht werden, die selbst von den Tätern nicht als solche erkannt wird. In vielen Fällen finden nämlich gar keine expliziten Übergriffe statt – der Geruch des Missbräuchlichen liegt aber trotzdem permanent in der Luft. Unterschwellig.

    Aber leider leben wir nun mal in einer Gesellschaft, die fest daran glauben möchte, dass sexueller Missbrauch ausschließlich von einer ganz bestimmten, exakt eingrenzbaren Tätergruppe begangen wird. Es ist so schön beruhigend, für das, was uns alle betreffen könnte, eine Projektionsfläche zu finden, die weit außerhalb der gesellschaftlichen Normalität angesiedelt ist. Aber weder geht die Mehrheit aller sexuellen Übergriffe auf Kinder von pädophilen Tätern aus, noch werden alle Menschen mit pädophilen Neigungen zwangsläufig auch Täter. Sie sind zu allererst Menschen, die sexuelle Empfindungen haben, die hoch problematisch sind, die sie sich genauso wenig ausgesucht haben wie sich irgendjemand seine sexuelle Orientierung ausgesucht hat – nur dass sie in der Regel noch viel mehr unter der gesellschaftlichen Ächtung leiden als z.B. Homosexuelle. Ein Teil der pädophilen Männer wird selbst zu Tätern. Viele werden niemals Kinder missbrauchen, sind aber selbst in ihrer Kindheit missbraucht worden und leiden lebenslang unter den Folgen – allem voran ihrer eigenen sexuellen Orientierung, die sie in den Augen der Gesellschaft – und oft genug auch in ihren eigenen Augen – selbst moralisch mit den Tätern auf einer Stufe stehend erscheinen lässt. Dass die Gesellschaft damit in vielen Fällen aus Opfern Täter macht, die sie gar nicht sind, interessiert dabei niemanden. Ebenso wenig kümmert es die Gesellschaft, dass sie tausenden von pädophilen Männern die hochproblematische Botschaft übermittelt, dass es eigentlich egal sei, ob sie tatsächlich ein Kind missbrauchen oder nicht – perverser Abschaum sind sie ja in jedem Fall. Und auch hier fungiert wieder eine Einzelgruppe als Sündenbock für ein Thema, das die gesamte Gesellschaft betrifft, auch wenn sie es nicht wahrhaben möchte. Ebenso wenig verwundert es, dass in den Medien der Eindruck vermittelt wird, sexueller Missbrauch in Institutionen sei ein reines Kirchenproblem – Hauptsache, die eigene potenzielle Mitbetroffenheit lässt sich auf bequeme Weise in die Außenwelt verfrachten.

    Herr Kirchhoff hat noch ein weiteres Tabu gebrochen: Er hat – aus psychologischer Sicht vollkommen korrekt – geschildert, dass sich die Sexualität niemals ausblenden lässt und dass es gerade deshalb so wichtig ist, verantwortungsbewusst mit ihr umzugehen. Natürlich ist die Liebe zu einem Kind weitgehend unschuldig – es sei denn, jemand hat pädophile Neigungen. Aus psychoanalytischer Sicht haben wir die – in sehr latenter Form – aber ohnehin alle; so verbringen zum Beispiel nachweislich fast alle Mütter deutlich viel mehr Zeit mit dem Wickeln ihrer Söhne als mit dem Wickeln ihrer Töchter. Selbst in diesem Bereich ist es also wichtig, bewusst und verantwortungsvoll mit der eigenen Sexualität umzugehen, und selbst hier lässt sie sich nicht ausblenden – so schockierend und verstörend das auch klingen mag.

    Aber spätestens, wenn wir es mit heranwachsenden Jugendlichen zu tun haben, lässt sich die sexuelle Ebene nicht mehr leugnen. Um wahrzunehmen, dass Jugendliche sexuelle Wesen sind, die auch (beabsichtigt oder unbeabsichtigt) sexuelle Reize aussenden, die wir zumindest unterschwellig wahrnehmen, braucht man nun weiß Gott keine manifeste sexuelle Präferenz für Menschen in dieser Altersklasse zu haben. Das Schlimme ist aber nicht, dass sich unsere Sexualität auch bei solchen Begegnungen nicht ausblenden lässt – das Verhängnisvolle ist vielmehr, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der selbst latente sexuelle Empfindungen gegenüber Jugendlichen ein derart großes Tabu darstellen, dass wir gar nicht erst bereit sind, sie uns überhaupt einzugestehen. Die meisten Menschen verdrängen Derartiges so tief in ihr Unbewusstes, dass sie es tatsächlich nicht mehr wahrnehmen können. Was ich nicht mehr wahrnehme, dem kann ich mich aber auch nicht mehr stellen. Und genau darin liegt die Gefahr – in der Verleugnung. Genau darin schlummert das Potenzial für versteckte Anzüglichkeiten, die dem Täter – wie auch in meinem Fall – in ihrer grenzüberschreitenden Eigenschaft noch nicht einmal bewusst sein müssen. Mit anderen Worten: Er begeht die Grenzüberschreitung nicht, weil sie für ihn kein Tabu darstellt, sondern vielmehr, weil bereits seine natürlichsten Gefühle und Bedürfnisse ein derartiges Tabu für ihn darstellen, dass er sich ihnen nicht mehr bewusst stellen kann und er sie dann auf verdeckte Weise unbewusst auslebt, ohne überhaupt zu begreifen, was er tut, und wie er die Liebe und das Vertrauen eines jungen Menschen missbraucht. Wir leben in einer Gesellschaft, in der fast jeder, der offen zugibt, in irgendeiner noch so diffusen Weise auf die sexuellen Reize zu reagieren, die von Minderjährigen ausgehen, fast schon als krankhaft pädophil stigmatisiert wird. Und während wir uns selbst permanent damit beruhigen, dass wir doch keine Kinderf****r sind, sehen wir uns Talent-Shows an, in denen elf- oder zwölfjährige Kinder in einer schon widerlich anmutenden Art und Weise aufgebrezelt werden, so dass sie aussehen, als seien sie gerade vom Babystrich aufgelesen worden. Offensichtlich lässt sich mit der latenten Pädophilie von Millionen erwachsenen Männern eine gute Quote erzielen. Im Nachtprogramm werden wir mit dem heißen Liebesgeflüster blutjunger, gerade erst 18-gewordener Teenies beworben, die aussehen, als könnten sie auch gerade erst 15 geworden sein. Die sexuelle Sehnsucht nach der Jugend ist ein Milliardengeschäft – und gleichzeitig tut die Gesellschaft so, als hätten nur eingefleischte Triebtäter derartige Empfindungen. Genau diese Doppelmoral ist es, die so gefährlich ist, weil sie die sexuellen Empfindungen gegenüber Jugendlichen aus dem Blickpunkt heraus tabuisiert und in Sphären des Unbewussten verbannt, in denen sie sich nur schwer kontrollieren lassen. Insofern war ich Herrn Kirchhoff sehr dankbar dafür, dass er mit diesem Tabu aufgeräumt hat und klargestellt hat, dass sich die Sexualität dort, wo Liebe im Spiel ist, niemals ausblenden lässt. Gerade deshalb ist es wichtig, bewusst mit ihr umzugehen. (Auch wenn diese Erkenntnis in den Augen der meisten Anwesenden und sicherlich auch vieler Zuschauer vermutlich ein unglaubliches “No-Go” war.) Während die normalen Zärtlichkeiten, die zwischen Eltern und ihren Kindern ausgetauscht werden, und die für die gesunde psychosexuelle Entwicklung ungemein wichtig sind, im Normalfall weitgehend unschuldig sind (auch wenn sich selbst hier die Sexualität nicht ausblenden lässt), sehe ich in einem Jugendlichen, den ich in seiner Entwicklung zum erwachsenen Menschen begleite und liebevoll unterstütze, natürlich zwangsläufig auch ein heranreifendes sexuelles Wesen. Nur wenn ich mir das eingestehe, kann ich mich auch offen und verantwortungsvoll damit auseinandersetzen. Die Tendenz zur Missbrauchs-Hysterisierung, die es auch hierzulande stellenweise gibt, ist da sicherlich auch nicht zuträglich – denn sie führt allenfalls dazu, dass Nähe und Liebe zu Kindern und Jugendlichen aus einer falschen Angst heraus gänzlich vermieden wird. In den USA z.B. wird den Betreuern in Ferienlagern zum eigenen Schutz geraten, den Kindern und Jugendlichen nicht näher als einen Meter zu kommen. Gerade der Umgang mit Nähe, Zärtlichkeit und liebevoller Unterstützung ist aber auf dem Weg zum Erwachsenwerden enorm wichtig. Die Lösung besteht nicht darin, Nähe und Zuneigung zu vermeiden, sondern ihnen eine angemessene und altersgerechte Ausdrucksform zu verleihen.

    Um es zum Abschluss zu bringen: Die Reaktion auf die Äußerungen von Herrn Kirchhoff verdeutlichen auf sehr eindrückliche Weise, was die Gesellschaft von den Opfern sexuellen Missbrauchs erwartet: Sie sollen dem Volk die Möglichkeit geben, sich mit Entsetzen in den Augen an der Abscheulichkeit des Geschehenen aufzugeilen, und sie sollen nur ja in keiner Weise differenzieren, da jede Differenzierung das Stereotyp vom sadistischen Täter gefährdet, das die Gesellschaft so sehr braucht, um sich selbst nicht in Frage stellen zu müssen. Sie sollen die Täter hassen und ihnen am besten die Hinrichtung wünschen – auf keinen Fall aber, wie es auch Herr Kirchhoff getan hat, versuchen, die Täter zu verstehen. Dieser Versuch ist deshalb so gefährlich, weil es in Wahrheit gar nicht darum geht, Missbrauch zu verhindern, sondern nur darum, ihn zu verachten, wenn er geschehen ist. Und nicht darum, ihn verstehen zu wollen. Denn in diesem Versuch, das Unbegreifliche zu verstehen, lauert immer schon die Gefahr der Erfordernis kritischer Selbstreflexion. Um diese geht es aber zu allerletzt – stattdessen geht es vielmehr darum, sich am Bild des Täters darüber zu vergewissern, dass man sich selbst so sehr von ihm unterscheidet, wie sich Menschen nur voneinander unterscheiden können, und sich daher – Gott sei Dank – keine Gedanken zu machen braucht.

    Sexuelle Grenzüberschreitungen sind nun mal keine Schwarz-Weiß-Kategorie, sondern ein fließendes Kontinuum, an dessen einem (weitgehend trivialen) Ende z.B. die Oma steht, die sich betrübt über die Weigerung ihres Enkels zeigt, ihr einen Kuss zu geben (und die ihm verkündet, ihn fortan nicht mehr lieb zu haben, wenn er dies nicht tue) – in dessen Mitte der klassische sexuelle Missbrauch liegt – und an dessen anderem Ende sich schwerste Vergewaltigungen, womöglich noch mit anschließender Tötung des Kindes, finden. Die Gesellschaft wünscht sich eine exakt definierte Grenze, bis zu der hin noch alles völlig in Ordnung und in keinster Weise zu beanstanden ist, und bei deren Überschreitung jeder Täter als gemeingefährlicher Sadist und Psychopath gilt, der auf alle Ewigkeit weggesperrt gehört. Diese absolute Grenze hat den Vorteil, das man sich beruhigt zurücklehnen kann, wenn man weiß, dass man sie niemals überschritten hat, und zugleich jedem Menschen, der sie – egal in welcher Form – überschritten hat, das geballte Maß der Verachtung entgegenbringen kann, mit dessen Hilfe man sich von dem, was man da verachtet, im eigenen Handeln gänzlich freisprechen kann. Vermeintlicherweise. So kommt es dann, dass es Mütter gibt, die gegen den erkennbaren Widerwillen ihrer Kinder permanent deren Hintern tätscheln und das witzig finden. Oder Freundinnen der Mutter, die das Kind völlig ungefragt und feucht sabbernd auf den Mund küssen, als wäre es das normalste auf der Welt. (Man stelle sich einmal vor, ein Mann würde so etwas tun). Oder Väter, die auf viel zu intime Weise ungehemmt mit ihren heranwachsenden, pubertierenden Töchtern schmusen. Und die zugleich lauthals verkünden, dass man allen Menschen, die Kinder missbrauchen, “einfach die Eier abschneiden” sollte.

    Leider ist die Welt eben nicht schwarz-weiß. Leider gibt es immer wieder Fälle, bei denen sich selbst Experten nicht darüber einig sind, ob es sich nun schon um Missbrauch handelt oder nicht (- als ob das Experten zu entscheiden hätten). Leider tragen wir alle das Potenzial zum Täter in uns. Und leider gibt es auch Menschen, die unter sexuellen Grenzüberschreitungen leiden, die andere für vergleichsweise harmlos halten. Und andere, die selbst schwere Vergewaltigungen erstaunlich gut wegstecken. Weder sollte man den einen das Recht absprechen, ihre Erfahrungen als massiv belastend zu erleben (- denn damit gäbe man ihnen und ihrer Empfindsamkeit die Schuld an ihrem Leiden -), noch sollte man von Anderen erwarten, dass sie gefälligst schwer zu leiden haben, um nicht implizit das Unrecht der Tat in Frage zu stellen. Bei den alltäglichen Reaktionen der Menschen, die mit Missbrauchsopfern konfrontiert werden, passiert aber leider sowohl das eine, als auch das andere immer wieder. Und da passt ein Herr Kirchhoff, der offen darüber spricht, dass er die sexuellen Handlungen seines Täters in der Situation selbst verstörend erregend fand, so gar nicht ins Konzept. Fast schon automatisch steht der Vorwurf im Raum, er wolle sexuelle Gewalt bagatellisieren, und er würde die Gefühle von Opfern verletzen (- als ob er selber nicht dazu gehören würde). Es scheint tatsächlich kein Interesse daran zu bestehen, die Opfer erzählen zu lassen. Sie sollen vielmehr – wie Herr Kirchhoff schon sagte – über das Geschehene berichten und die Frage, was sie tatsächlich dabei empfunden haben, den Experten überlassen – deren Erklärungen den Erwartungen des Publikums dann hoffentlich besser entsprechen und weniger verstörend sind.

  4. Pingback: medizin-im-text » Blog Archive » Sexueller Missbrauch in den Medien:einseitige Nein-Sage-Beiträge

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